Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Bernd Graff feuilletonisiert in der SZ über die Siegerpose, die Mario Balotelli nach seinem Treffer zum 2:0 bei dem EM-Halbfinalspiel zwischen Italien und Deutschland eingenommen hat. An sich eine reizvolle Idee; tatsächlich würde ich gerne einmal eine Dissertation zur „Kulturgeschichte des Torjubels von 1950 bis 2012″ lesen – man muss nur einmal ein bisschen bei Youtube recherchieren, um zu sehen, auf was für skurille Ideen manche Kicker kommen. (Ein entfernter Bekannter von mir hatte einmal den festen und zweifellos geschmacklosen Vorsatz, nach seinem nächsten Tor – er war Amateurfußballer – einen Sturmhaube aus seiner Hose zu kramen und aufzusetzen, um anschließend mit einer fiktiven Maschinenpistole auf seine herbeigeeilten Mitspieler zu schießen, die dann einer nach dem anderen zu Boden gehen sollten). Graff allerdings jubelt bei seiner Interpretation Balotelli unter der Hand eine faschistische Attitüde unter. Das fängt schon mit der Überschrift an: „Triumph der Erstarrung“. Gleich zu Beginn ist von „purer Archaik“ die Rede, später heißt es: „Die Erstarrung Balotellis ist Urzeit.“ Mir scheint hier weniger die Jubelpose des Stürmers spannend, als vielmehr die Frage, was da durch den Kopf des Feuilletonisten ging. Kann es vielleicht sein, dass die ganze Assoziationskette, die da in Gang geriet, ihren Ausgangspunkt darin hatte, dass Balotelli ein Schwarzer ist – und es eigentlich immer schon so war, dass der weiße, vermeintlich kultivierte Europäer den Afrikaner mit der Natur und deren Gewalt identifizierte (und das, um in erster Linie den eigenen Überlegenheits- und Herrschaftsanspruch quasi-anthropologisch zu untermauern)? Hätten Cassano oder Pirlo das Tor gemacht und sich in dieselbe Pose geworfen, hätte Graff auch dann diesen Text verfasst? Am Ende heißt es, Balotelli habe zwar gut gespielt, aber „sein Sieg, sein ganz persönlicher Sieg scheint seelenlos zu sein wie eine Salzsäule.“ Zumindest hat er den unerträglich dumpfen „Sieg!Sieg!-Chören der deutschen Fans in den osteuropäischen Stadien ein Ende gemacht. Die fahren jetzt alle schön wieder heim – und können dort ja, wenn sie wollen, ihre deutschen Seelen an Wagner-Opern und der Lyrik Hölderlins laben.
Weitere Material:
- Georg Seeßlen in der taz zu Balotellis Jubel


1 Antwort auf „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“


  1. 1 Dottore Calcio 30. Juni 2012 um 15:06 Uhr

    In der ZEIT wurde Balotelli ja als „Anarchist mit Hahnenkamm“ bezeichnet…

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