Feuchte Träume

Steel Panther im LKA
Vier erwachsene Männer, in grotesk engen Blue Jeans, nicht mehr ganz jung, sondern im Gesicht eher ledrig. Sie sind tätowiert, tragen peinliche Stirnbänder und haben Frisuren, mit denen ihnen selbst in den weniger schicken Discotheken in Stuttgart höchstwahrscheinlich der Eintritt verwehrt bleiben würde, und das völlig zurecht. Hier im LKA aber posieren sie auf der Bühne, Steel Panther, Hardrocker aus Los Angeles, und spielen dabei Songs mit Titeln wie „Death to all but Metal“ oder „Party All Day (Fuck All Night)“. Es riecht nach Bier und Schweiß, das Publikum ist zu neunzig Prozent männlich und zu hundert Prozent heterosexuell; das Maß, in dem Steel Panther virile Dominanzphantasien verbreiten lässt keinerlei Abweichung zu, „Death to Britney Spears, kill the little slut“ lautet eine Parole.
Nüchtern wäre das alles kaum zu ertragen. Wenn, ja wenn Steel Panther eine ernstzu-nehmende Band und nicht in erster Linie eine Klamauktruppe wären, die das ohnehin kaum verborgene Pubertäre, das gerade den Hard Rock der 1980er Jahre auszeichnete, besonders krass extrapoliert. So werfen sich die vier Musiker immer wieder in so peinliche Posen, dass man gar nicht mehr hinschauen mag, oder unterbieten sich gegenseitig mit geschmacklosen Ansagen, in denen es monothematisch um „Cocks“ und „Boobies“ geht. Zumindest die erste halbe Stunde ist das einigermaßen spaßig. Aber ist es auch schon subversiv? Kritik wird an diesem Abend allenfalls an der falschen Temperierung der Getränke am Ausschank oder den hochgeschlossenen Dekolletés der Barfrauen geübt, nicht an repressiven Geschlechteridentitäten. Das Ganze wirkt trotz aller Comedy-Einlagen wie eine einzige Trauerveranstaltung, bei der Mann einer aus der Mode gekommenen Form der Triebabfuhr nachheult, weil ihm verächtliche Parolen über „Pussies“ lieber sind, wenn sie von amerikanischen Vollproleten statt Berlinern Rappern mit Migrationshintergrund kommen.
Und so sind Steel Panther eine überdrehte wie wehmütige Hommage an den Glam- und Sleazerock der 1980er Jahre, an Bands wie Mötley Crüe oder Skid Row. Derartige popkulturellen Zitate sind zurzeit schwer in Mode, man denke etwa an den Erfolg von The Darkness vor einigen Jahren oder die Verbreitung, die klobige Digitaluhren in der Gegenwart wieder erlangt haben. Aus kulturpessimistischer Perspektive ließe sich diese Lust am Kopieren vergangener Trends als Indiz für die erlahmende Innovationsbereitschaft westlicher Gesellschaften deuten. Postmodern müsste man indes jubeln, weil Pop-Phänomene wie Steel Panther nichts anderes sind als die längst fällige Emanzipation der Kopie vom Original, also der endgültige Sieg über den Platonismus, der die Abbilder gegenüber der reinen Idee ontologisch fast auf den Status des Nichts reduzierte. Und man könnte genauso gut kapitalismuskritisch behaupten, dass es hierbei um die Subsumtion des kulturindustriellen Gedächtnisses unter neoliberale Verwertungsinteressen geht. Nüchtern betrachtet dagegen haben wir es bei der Darbietung von Steel Panther wahrscheinlich vor allem mit den real gewordenen feuchten Träumen einiger kalifornischer Dumpfbacken zu tun, die sich einen einzigen großen Spaß erlauben und damit auch noch jede Menge Geld verdienen…aber nein, nüchtern zu bleiben bei einer solchen Veranstaltung ist definitiv niemandem empfehlen.


1 Antwort auf „Feuchte Träume“


  1. 1 Élaine Tourette 13. Juni 2012 um 15:20 Uhr

    Bis auf die „Bluejeans“ stimme ich voll zu. Bei der Beinbekleidung der megamännlichen Stahlboys handelt es sich jedoch um Glitzerspandex.

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